Osteopathie

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte ein kanadischer Arzt namens Andrew Taylor Still eine neue Art, seine Patienten zu behandeln. Jahrelange genaue Studien der funktionellen Anatomie waren dem vorangegangen.
Still glaubte fest daran, dass es bessere Heilmethoden geben müsse als die zu seiner Zeit gebräuchlichen.

Er erkannte, dass viele verschiedene Gewebe – Muskeln, Faszien, Sehnen, Knochen – zusammenarbeiten mussten, damit der Mensch eine Bewegung ausüben konnte. Des Weiteren beobachtete er, dass manche Menschen bestimmte Bewegungen nicht so gut ausüben konnten wie andere. Er forschte weiter, bis er die Stellen im Gewebe fand, an denen eine Bewegung nicht adäquat mitmachten. Das können Verspannungen sein, aber auch blockierte Gelenkstrukturen, Narben oder Gewebseinschränkungen anderer Ursache. Er löste die Blockaden bestmöglich und stellte fest, dass nicht nur die Bewegungseinschränkung zurückging, sondern der Patient insgesamt viel vitaler wurde.

Still hatte seine „neue Heilmethode“ gefunden.

Schüler von Andrew Taylor Still forschten weiter. Wer sich heute mit der Osteopathie auseinandersetzt, kommt an Namen wie Sutherland, Magoun, Littlejohn, Fryman und Druelle nicht vorbei. Sie und weitere Studenten der Osteopathie fügten im Laufe der Jahrzehnte eigene Erkenntnisse dem Grundstein hinzu, den Still gelegt hatte, und verbreiteten die Osteopathie über die Grenzen Kanadas hinaus.

Schließlich verfasste die Konsensgruppe Osteopathie Deutschland, der sechs große Osteopathie-Verbände angehören, das „Berufsbild Osteopathie“. Es wurde „…als Leitlinie für die Entwicklung und die Definition des Berufs des Osteopathen entwickelt“ (Seite 4).

Unter anderem beschreibt das Dokument die Definition des Begriffs „Osteopathie“, die historische Entwicklung, internationale und deutsche Verbreitung sowie die Kernkompetenzen und das Tätigkeitsfeld eines Osteopathen. So kann man dort zum Beispiel nachlesen:

„Die Osteopathie ist ein Heilberuf… Der Osteopath untersucht und behandelt den Patienten mit seinen Händen.
Hierbei beurteilt er das Gewebe des ganzen Körpers hinsichtlich seiner Beweglichkeit und Qualität. Zentrales therapeutisches Anliegen ist die Unterstützung der Selbstregulationsfähigkeit des Organismus.
Funktionelle Einschränkungen werden – unter Berücksichtigung der Wechselwirkung zwischen Struktur und Funktion von Geweben – erkannt und manuell behandelt. Dies geschieht mit dem Ziel, patientenorientiert die Gesundheit zu erhalten, zu verbessern oder wiederherzustellen. (Seite 07)

„Das Tätigkeitsfeld des Osteopathen umfasst alle funktionellen und mittelbar auch strukturellen Störungen des muskuloskelettalen Systems (Orthopädie, Traumatologie, Sportmedizin) der Brust-, Bauch- und Beckenorgane (Kardiologie, Pneumologie, innere Medizin, Gynäkologie und Urologie), des zentralen und peripheren Nervensystems (Neurologie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde) des stomatognathen Systems (Zhnheilkunde und Kieferorthopädie) sowie Defizite in der frühkindlichen sensomotorischen und psychosozialen Entwicklung (Neonatologie, Kinder- und Jugendmedizin.

Als erweiterte Therapieoption kann die Osteopathie auch sekundär bei Patienten im Rahmen komplexer Behandlungskonzepte (z.B. begleitend zu einer medikamentösen, chirurgischen und/oder psychologischen Therapie im Rahmen einer Rehabilitation) eingesetzt werden. Die Osteopathie erweitert somit die medizinische Versorgung der Patienten in Deutschland im Sinne eines integrierten, evidenz- und patientenorientierten Therapieansatzes.“ (Seite 12)